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Test Yamaha FJR 1300 A - (Quelle: Motorrad) |
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Test Yamaha FJR 1300 A
A – JETZT, JA!
A
wie ABS. Stand ganz oben auf dem Wunschzettel für eine Modellpflege der
FJR 1300. Yamaha hat ihn gelesen und von A über S wie Staufach bis zu W
wie Wegfahrsperre abgearbeitet.
Von
Jörn Thomas
Aus MOTORRAD 06/2003 Seite 34 zur Heftbestellung . . .
Die FJR 1300 zeigte der Konkurrenz im Jahr 2001 gleich mal, wo es
langgeht. Und zwar sowohl der touristischen als auch der
sporttouristischen, denn Yamaha verzichtete bei der kompletten
Neukonstruktion auf Kompromisse und verband das Beste aus beiden
Welten. Wenn sie nur noch ein ABS gehabt hätte...
Für
den 2003er-Jahrgang heißt es nun: Weg mit dem Konjunktiv, es lebe der
Indikativ. Und es regele die Elektronik. Wie akkurat sie den Bremsdruck
moduliert, soll zunächst die MOTORRAD-Bremsmessung zeigen. Also, Gasse
abstecken, Pylonen aufstellen, Messgerät montieren. Und los. Auf rund
Tempo 130 beschleunigen, volle Kanne in den Hebel langen sowie auf das
Pedal latschen. Nach mehreren Stopps ist die Luft erfüllt vom strengen
Aroma malträtierter Pneus und Bremsbeläge, das Messgerät gespeist mit
genug Futter für anschauliche Kurven. Während der Drucker noch rattert,
ist Zeit, den ersten Eindruck zu notieren. So lässt der im Regelbereich
kräftig pulsende Handhebel den Piloten an der steten Suche nach der
Haftgrenze ungeniert teilhaben. Außerdem fallen die spürbaren Pausen
zwischen den Regelvorgängen auf. Das Messdiagramm (siehe Seite 13)
bestätigt das. Maximal 8,4 m/s2 sind bei Betätigung beider Bremsen
drin, die Fuhre steht frühestens nach 46 Metern. Die konventionell
gebremste FJR 1300 verzögert mit 9,8 m/s2. Unter einem Profi-Piloten
wohlgemerkt. Und bei optimalen Bedingungen. Womit wir zum Punkt kommen.
Sicherlich verschenkt Yamaha durch die früh und strikt eingreifende
Regelung im Extrembereich wertvolle Meter. Andererseits sind 8,4 m/s2,
die von jedermann und jederfrau stets reproduzierbar abgerufen werden
können, bereits ein erheblicher Sicherheitsgewinn in
Gefahrensituationen. Vor allem wenn man weiß, das durchschnittliche
Motorradfahrer selten solche Werte erreichen.
Stichwort echtes
Leben, weg mit den Pylonen und raus auf die Autobahn, Paradedisziplin
der vollverkleideten 1300er - wenn Yamaha endlich einen sechsten Gang
ins Motorgehäuse geschleust hätte. Im kurz übersetzten Fünften dreht
das Kraftpaket stets höher, als es müsste und schickt den Piloten auf
die vergebliche Suche nach dem drehzahlsenkenden Sechsten.
Der
würde Sinn machen, denn bereits untenrum schiebt der 1298-cm3-Bolzen
mächtig, was er – ein wenig unfreiwillig - beim morgendlichen Start
gezeigt hat. Die elektronischen Einspritzung meint es auf den ersten
Metern besonders gut und pegelt die Drehzahl ohne Zutun des Piloten bei
2000 Touren ein. Hört sich harmlos an, doch in dieser vermeintlich
verschlafenen Drehzahlregion verlustieren sich fast 80 Newtonmeter an
der Kupplung. Ein Drehmoment, mit dem etwa ein Opel Corsa plus
vierköpfiger Besatzung heiter über die Alpen hüpft und das der Honda
VFR-ABS komplett zum Leben genügt.
Zum Glück verflüchtigt sich der
Spuk nach kurzer Zeit, und der Pilot übernimmt uneingeschränkt die
Macht am Gas. Eine Macht, der die Fahrwiderstände erst bei 245 km/h
endgültig die Grenze aufzeigen. Die aus Fahrerperspektive ruhig noch
weiter oben liegen könnte. Was unter anderem an der modifizierten
Verkleidungsscheibe liegt, die, nach wie vor per Knopfdruck elektrisch
verstellbar, nun 40 Millimeter höher ist. Gemeinsam mit dem reduzierten
maximalen Anstellwinkel verringert sich damit die Sogwirkung hinter der
hochgefahrenen Scheibe bei hohem Tempo, ohne Windschutz preiszugeben.
Ebenso
wenig gibt die FJR beim Schnellfahren die eingeschlagene Linie preis.
Wankelmütiges Eigenleben, etwa Aufschaukeln in schnellen Autobahnkurven
oder unruhiger Geradeauslauf, sind ihr fremd; von Brückenabsätzen nimmt
der Pilot dank fein ansprechender Federelemente kaum Notiz. Schon eher
vom Wirken des Motors. Da dieser starr mit dem Rahmen verschraubt ist,
bemühen sich zwei Ausgleichswellen, noch den freien Massenkräften
zweiter Ordnung Herr zu werden, ein Teil schmuggelt sich dennoch
Richtung Lenker und Rasten. Halb so schlimm, die milden Vibrationen
machen lediglich deutlich, dass hier tüchtig Drehmoment und Leistung
produziert wird. Mit gemessenen 134 PS an der Kupplung verfehlt der
Vierventiler seine Papierform zwar um einige PS, was jedoch höchstens
Stammtischpiloten tangieren dürfte angesichts der lokomotivartigen
Leistungs- und Drehmomententfaltung. Sie startet knapp über tausend
Touren und endet erst im roten Bereich des voreilenden Drehzahlmessers,
der konsequenterweise dezentral im Cockpit untergebracht ist. Das wird
neben dem über Tageskilometer, Zeit und Tankinhalt informierenden
LC-Display vom mittig platzierten Tacho dominiert. Gut so, denn selbst
kurvige Landstraßen managt die Yamaha dermaßen unauffällig im Fünften,
dass ein ständiger Kontrollblick gen Tacho die Halbwertzeit der
Fahrerlaubnis deutlich verlängert. Ansonsten lässt die FJR 1300 A sogar
ausgeglichene Piloten zu Tempo-Outlaws werden, so sehr lullt einen der
basslastig dahinsummende Vierzylinder ein. Zügig lange Strecken
zurückzulegen ermöglichen auch die beiden üppig bemessenen Sitzplätze.
Ebenso wie der 25-Liter-Tank, der bei angemessenem Tempo mit
Verbrauchswerten unter sechs Litern lediglich alle 400 Kilometer an die
Tanke zwingt.
Beim Sporteln verkürzt sich dieses Intervall, nun
dürfen auch mal die unteren Stufen des knackig rastenden Getriebes ran.
Letzteres baut dank übereinander liegender Wellen kompakt und trägt zur
kurzen Motorbaulänge bei. Die wiederum eine lange Schwinge möglich
macht – Voraussetzung für einen reaktionsarmen Kardanantrieb auch ohne
aufwendige, schwere Hebelabstützung. Das zahlt sich aus. Beim flotten
Swing über Land-, Pass- oder Küstenstraßen verhält sich die Hinterhand
unauffällig, selbst unter voller Last absorbiert sie Unebenheiten, wenn
auch auf trockene Art. Hier macht sich die straffere Abstimmung von
Federung und Dämpfung bemerkbar. Legten Ambitionierte bislang bereits
bei Alleinfahrt den Hebel der Federbasis Richtung »hart« um, ist beim
2003er-Modell die »soft«-Stellung zu allen Schandtaten bereit. Erst bei
Beladung muss die straffe Stufe ran – mit der sich der
283-Kilogramm-Brummer auch bei maximaler Auslastung nicht aus dem
Konzept bringen lässt.
Was ebenfalls für die neue
antiblockier-geregelte Bremsanlage gilt. Wie bisher verlangen die
einteiligen Zangen vorn zwar nach einer Extraportion Handkraft, greifen
dafür bis zum Erreichen des Regelbereiches proportional und gut
kontrollierbar zu den nunmehr 320 Millimeter großen Scheiben. Wegen der
ausgeglichenen Gewichtsverteilung verzögert der hintere Stopper per
Fußhebel wirksam mit. Um auf griffigem Asphalt in den Regelbereich zu
gelangen, ist viel Handkraft nötig, was gemeinsam mit dem in langen
Intervallen deutlich pulsierenden Hebel die Dosierung beeinträchtigt.
Dafür lässt sich die vollbremsende FJR von Bodenwellen nicht aus dem
Rhythmus bringen.
Dabei ist die 48er-Gabel trotz härterer Federn
noch immer bekennender Softie und braucht beim harten Verzögern schon
mal den gesamten Federweg auf. Davon abgesehen schmeichelt sie mit
einem sensiblen Wesen, das nahezu alles vom kleinen Frostaufbruch bis
zur aufbrandenden Bremswelle absorbiert - korrekte Rückmeldung
eingeschlossen. Okay, die Lenkpräzision fällt genrebedingt nicht ganz
so unverhohlen-direkt aus wie bei hauptberuflichen Sportskanonen, an
den Lagerfeuern der Reisefreunde gilt das FJR-Handling dennoch als
vorbildlich.
Wie auch ihre konsequente Abgasreinigung mit zwei
Katalysatoren, beheizter Lambdasonde und Sekundärluftsystem. Oder die
liebevolle Verarbeitung und Ausstattung mit einstellbaren Handhebeln,
Hauptständer, Warnblinkanlage, unsichtbar integrierten Kofferträgern
und so weiter. Zusätzlich spendiert Yamaha der 14495 Euro teuren FJR
1300 A eine Wegfahrsperre sowie ein Staufach, dessen per Federn und
Zahnrädern gedämpft öffnender Deckel nur bei eingeschalteter Zündung
und Leerlaufstellung freigegeben wird.
Bei so viel Neuem fällt der
Wunschzettel fürs nächste Mal kurz aus: etwas Feinschliff an der
ABS-Regelung und ein sechster Gang, basta.
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